50 Jahre Patenschaft Altkreis Bersenbrück - Landkreis Greifenhagen 1958 - 2008

Kein Unrecht darf durch seine historische Einordnung relativiert und geschmälert werden
Auszüge der Festrede von Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments, anläßlich der Ver-anstaltung;50 Jahre Patenschaft Altkreis Bersenbrück; Landkreis Greifenhagen 1958-2008, gehalten am Sonntag, 11. Mai 2008, in der Aula der von-Ravensberg-Schule,Bersenbrück.
Sie haben mich eingeladen, anläßlich des 50jährigen Bestehens der Patenschaft des Altkreises Bersenbrück mit dem Landkreis Greifen-
hagen heute zu Ihnen zu sprechen. Dieser Einladung bin ich sehr gerne gefolgt, nicht nur weil Bersenbrück mein Geburtsort ist und mir die Patenschaft zu Greifenhagen sehr am Herzen liegt. Diese Patenschaft symbolisiert für mich zweierlei - den Ausdruck von Ver-
bundenheit mit der Heimat, aber auch vor dem Hintergrund der Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen ein Bekenntnis zu den Menschenrechten.
Das Gründungsjahr Ihrer Patenschaft war ein historisches Jahr. Wir haben in den vergangenen Monaten nicht nur zurückblicken können auf
das Inkrafttreten der Römischen Verträge vor 50 Jahren, sondern auch auf die erste Sitzung des Europäischen Parlaments in Straßburg
im März 1958. Es ist der Vision europäischer Staatsmänner wie des damaligen deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, aber auch des französischen Außenministers Robert Schuman und vieler anderer zu verdanken, daß sie die Hoffnung auf einen Neubeginn nach dem Krieg in eine Vision für Europa umgesetzt haben.
Der größte Erfolg war die Überwindung der Teilung Europas. Unserem Handeln für Europa und im Europäischen Parlament liegt heute die Überzeugung zugrunde, daß jeder Mensch mit einer unverletzlichen Würde ausgestattet ist. Der Mensch ist ein Wert an sich, ohne weitere Begründung und ohne Rücksicht auf seine physische, intellektuelle und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Auf dieser Grundlage haben wir uns seit langem dafür eingesetzt, einen eigenen Wertekanon als Fundament für die europäische Einigung
aufzustellen. Durch die im Reformvertrag von Lissabon vorgesehene Einbeziehung der Grundrechtscharta in das Vertragswerk der Europäischen Union stehen wir nun unmittelbar vor der Erreichung dieses Ziels, wenn der Vertrag hoffentlich am 1. Januar 2009 in Kraft treten wird.
Wie wichtig das Thema Menschenrechte ist, zeigen die Diskussionen um Simbabwe, um Tibet, Myanmar und Darfur. Wo Menschenrechte miß- achtet werden, wird die Würde des Menschen mit Füßen getreten. Die Europäische Union darf dazu niemals schweigen. Die Europäische Union ist auf keinem Auge blind. Wir protestieren gegen Menschenrechtsverletzungen überall auf der Welt. Deshalb haben wir sehr laut unsere Stimme erhoben, als die Übergriffe in Tibet vor einigen Wochen bekannt wurden.
Die Patenschaft der beiden Regionen Bersenbrück und Greifenhagen ist ein wichtiger Ausdruck von Heimatverbundenheit. Auch im Zeitalter
der Globalisierung, in der viele Menschen in erster Linie die Sorge um ihre Arbeitsplätze, die Umwelt, ihre Gesundheit oder ihre Sicherheit beschäftigt, dürfen wir nicht vergessen, daß auf der ganzen Welt Millionen von Menschen etwas verloren haben, was man nicht mit Fortschritt oder Wohlstand ersetzen kann: ihre Heimat.
Nach den Berechnungen des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge leben heute alleine 14 Millionen Menschen auf der Flucht, außerhalb
ihres Landes. Das ist die größte Zahl von Heimatvertriebenen seit der Jahrtausendwende. Schon am 31. Januar 1982 hat sich Papst Johannes Paul II., der große Sohn Polens, in einer Ansprache in Rom dieses Themas angenommen, als er sagte: „Niemandem kann entgehen, daß die Verbannung eine schwere Verletzung der Normen des gesellschaftlichen Lebens darstellt, das im offenkundigen Widerspruch zur allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und zum internationalen Recht selbst steht, und die Folgen einer solchen Bestrafung oder Vertreibung erweisen sich als dramatisch auf individueller, wie auch sozialer und moralischer Ebene. Der Mensch darf nicht des Grundrechtes beraubt werden, in dem Vaterland zu leben und zu atmen, in dem er das Licht der Welt erblickt hat. In dem er die teuersten Erinnerungen an seine Familie bewahrt, die Gräber seiner Vorfahren und die Tradition, die ihm Lebenskraft und Glück schenkt.
Dieser Forderung haben sich inzwischen auch die Vereinten Nationen ngeschlossen. Vor knapp zehn Jahren hat die UN-Kommission zur
Förderung und zum Schutz der Menschenrechte eine Studie zur Dimension der Menschenrechte bei Bevölkerungsumsiedlungen erarbeitet.
Im Abschlußbericht der Kommission wurde die Schlußfolgerung gezogen, daß das Recht auf die eigene Heimat ein grundlegendes Menschen- recht ist und daß Staaten nicht das Recht haben, Menschen gewaltsam aus ihrer Heimat zu vertreiben. In der dem Bericht angefügten Erklärung heißt es im Artikel 4: „Jeder Mensch hat das Recht, in Frieden, Sicherheit und Würde in seiner Wohnstätte, in seiner Heimat und in seinem Land zu verbleiben. Niemand darf dazu gezwungen werden, seine Wohnstätte zu verlassen Auch wenn wir noch weit von der Erreichung dieser Ziele entfernt sind, auch wenn es in der Welt von heute Millionen von Heimatlosen gibt, ist es doch wichtig, diese Grundprinzipien zu bekräftigen und nach Mitteln und Wegen für ihre Umsetzung zu suchen. Unsere europäische Politik muß
sich heute an einem Dreiklang von Heimat, Vaterland und Europa orientieren. Die Europäische Union bietet mit ihren 27 Mitgliedstaaten heute nahezu 500 Millionen Menschen eine Heimat. Wir alle haben Heimat, Herkunft und Zukunft. Aber nicht alle können in ihrer Heimat leben aus politischen, wirtschaftlichen oder familiären Gründen.
Heimat ist, wo wir geboren sind, wo wir uns geborgen fühlen, wo wir angenommen werden und wo wir in Vielfalt versöhnt miteinander leben. Heimat, das ist, wo wir zu Hause sind. Das ist Bersenbrück, das ist Greifenhagen. Mit dieser Patenschaft unterstreichen Sie nicht nur Ihre Heimatverbundenheit, sondern Sie drücken auch Ihre Dankbarkeit gegenüber der Aufgeschlossenheit der Menschen in Bersenbrück aus, die Ihnen damals eine neue Heimat gegeben haben. Heute steht das Recht in der Europäischen Union über der Macht.
Das Recht hat die Macht, nicht die Macht hat das Recht. Und so schützt das Recht auch die Schwachen. Angesichts der Erfahrungen der Europäischen Geschichte ist dieses eine historische Errungenschaft, die wir gar nicht hoch genug einschätzen können. Wir müssen daher das Recht in Europa und in der Welt immer entschlossen verteidigen.
Die nun schon ein halbes Jahrhundert bestehende Patenschaft zwischen dem Landkreis Greifenhagen und dem Altkreis Bersenbrück ruft
dazu auf, zusammenzukommen, um die Opfer von Unrecht und Gewalt zu ehren und ihrer zu gedenken vor allem derjenigen, die durch Flucht
und Vertreibung ihre Heimat verloren haben. Ich verneige mich in Ehrfurcht vor allen Opfern von Flucht und Vertreibung. Wir dürfen ihr
Schicksal nie vergessen, denn sonst werden wir schwach in unserer Bereitschaft, etwas Vergleichbares in Europa nie wieder zuzulassen.
Die Heimatvertriebenen haben einen großen Anteil daran, daß ein friedliches und geeintes Europa in den vergangenen Jahrzehnten wachsen
konnte. Die Charta der Heimatvertriebenen vom 5. August 1950 ist ein großes europäisches Dokument, das bis heute meine große Be-
wunderung erfährt.
Nach dem Grauen des Krieges und nach den Schrecken von Flucht und Vertreibung streckten die Vertreter von Millionen deutschen Heimat-
vertriebenen die Hand aus. Vergebung und Versöhnung das waren Schlüsselbegriffe, die sie antrieben, um mitzubauen an einem neuen Europa.
Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung, heißt es eindrucksvoll in der Charta der Heimatvertriebenen. Wir haben erfahren: Nur wer vergeben kann, ist zur Versöhnung fähig. Mehr noch: Er kann an einer neuen Zivilisation mitwirken, so wie die Heimatvertriebenen es 1950 von Stuttgart aus dem ganzen Kontinent zuriefen: Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europa gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können. Aus dem Beginnen ist ein großes Werk geworden, das nach mehr als fünf Jahrzehnten weit hineinreicht in unsere Zukunft und weiter gedeihen wird.
Die deutschen Heimatvertriebenen haben mit ihrem bewegenden Bekenntnis zu den europäischen Werten von Anfang an der großen Vision von der Einheit und Freiheit Europas schon vor zwei Generationen den Weg geebnet. In der gleichen europäischen Gesinnung verabschiedete am 26. Mai 1973 die Pommersche Landsmannschaft unter der Leitung meines späteren Parlamentskollegen Philipp von Bismarck, der 2006 verstorben ist, das „Manifest der Pommern“, in welchem sie Polen die Hand zur Versöhnung
reichten. Dort heißt es: „Wir Pommern wollen eine Zukunft Europas, die Grenzen durch Freiheit überwinden“. Was damals, 1973, als eine Vision erschien, ist heute Wirklichkeit geworden, und die Heimatvertriebenen haben dabei mitgewirkt. Es verlangt Einfühlungsvermögen und Respekt vor jedem einzelnen Opfer, wenn wir einen gemeinsamen europäischen roten Faden um die vielen Dramen und Tragödien von Flucht und Vertreibung spannen wollen. Aber wir sollten es versuchen – allein schon um unserer Kinder und Enkelkinder Willen. Wir müssen es versuchen, damit ihnen auf alle Zeiten in der Europäischen Union und wo immer möglich darüber
hinaus in Europa die Tragödie von Flucht, Vertreibung und der Zwangsentwurzelung aus ihrer Heimat erspart bleibt.
Die Würde des Einzelnen ist es, die uns bei diesem Versuch leiten muß. Es ist meine tiefste Überzeugung, daß dies der Kern unseres Bildes vom Menschen im heutigen Europa ist. Es ist die Basis der Europäischen Union, es ist der Kern ihrer Begründung als einer Wertegemeinschaft. Wir sind nicht einfach zum Prozeß der europäischen Integration aufgebrochen, um eine Freihandelszone zu bilden, die unseren persönlichen und kollektiven Wohlstand steigern kann. Wir sind auch nicht an einer politischen Union interessiert, die irgendwie als eine abstrakte Veranstaltung politischer Gremien wirkt. Wir sind in der Europäischen Union zu einer Wertegemeinschaft geworden, weil wir die Würde jeder einzelnen Europäerin und jedes einzelnen Europäers schützen wollen. Dies ist unsere größte Lehre aus der Geschichte Europas. Dies ist unser größter Auftrag an die Zukunft Europas. Wir müssen in Europa zuhören und wir müssen dieses Zuhören lernen. Wenn wir alle lernen, können wir verstehen und erst wenn wir alle verstehen, können wir Kompromisse schließen und gemeinsam handeln.
Was in Jahrzehnten an Vertrauen geschaffen wurde, kann sonst sehr schnell zerstört werden. Erinnerung, Vergebung und Versöhnung gehören zusammen. Das lehrt uns jedes einzelne Opfer von Flucht und Vertreibung. Für diesen Gleichklang von Erinnerung, Vergebung und
Versöhnung treten wir ein.
Heute gehören wir als Bürger der Europäischen Union gemeinsam zu einer Gemeinschaft des Rechts seit 2004 mit den Völkern Estlands, Lettlands, Litauens, Polens der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarns und Sloweniens, und seit Anfang 2007 auch Bulgariens und Rumäniens.
Es widerspricht der Würde des Menschen, wenn wir irgendeine Art von Diskriminierung in der Europäischen Union zulassen würden. Und es widerspricht der Würde des Menschen, wenn wir Verletzungen der Menschenwürde und des Menschenrechts innerhalb und außerhalb der Europäischen Union tatenlos und unkommentiert geschehen ließen, gleichgültig wo und in welcher Form sie geschehen. Wir sind es uns selbst gegenüber schuldig, unserer eigenen Würde, daß wir Stellung nehmen gegen Unrecht, Unterdrükkung, Flucht und Vertreibung weltweit.
Deswegen protestieren wir ebenso laut gegen das Vergessen in Europa wie gegen die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid in der Welt. Deswegen wollen wir die Erinnerung stärken, um die Menschenwürde besser zu schützen, jederzeit und überall. Deswegen müssen wir uns
aufmachen zu einem gemeinsamen europäischen Erinnerungswerk. Dabei darf nichts gegeneinander aufgerechnet werden, aber es darf auch
niemand vergessen werden, der an Flucht und Vertreibung gelitten hat. Nur so können wir ehrlich und widerspruchsfrei für eine neue europäische Kultur der Erinnerung eintreten.
Ohne die Leistungen der Flüchtlinge und ihre solidarische Integrationsbereitschaft hätte es Demokratie und Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland so nicht gegeben. Der nationalsozialistische Diktator hat Deutschland und Europa in Krieg und Vernichtung geführt. Der sowjetische Diktator hoffte, daß die Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen Westdeutschland in ein Chaos stürzen würden. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Vertriebenen und Flüchtlinge haben die Bundesrepublik Deutschland mit aufgebaut. Dafür gilt ihnen großer Respekt und Dank und bleibende Anerkennung. Integration, das können wir aus der europäischen Geschichte lernen,
war immer eine Zweibahnstrasse so wie Solidarität eine Zweibahnstrasse ist. Sie verlangt ein Geben und Nehmen von der angestammten Bevölkerung und von den neu Hinzukommenden. Dies alles kann zum Nutzen von uns allen in Europa sein. Es gibt inzwischen viele Kontakte, sogar Freundschaften zwischen Vertriebenen und den Menschen unserer Nachbarländer, aus denen vertrieben wurde. Wir wollen auf europäischer Ebene alles tun, um diesen Dialog zu unterstützen. Kein Unrecht darf durch seine historische Einordnung relativiert und geschmälert werden. Jedes einzelne Opfer hat Recht auf die Anerkennung der Einzigartigkeit seines Leids. Das gebietet die Menschenwürde.
Und alle Opfer haben das Recht, daß wir die Lehren niemals vergessen, die sie uns hinterlassen. Das gebietet unsere Selbstachtung.
Deswegen müssen wir über die politischen Ursachen von Flucht und Vertreibung reden. Deshalb müssen wir nach Wegen suchen, um Regime
rechtzeitig zu stoppen, deren Politik Flucht und Vertreibung billigend in Kauf nimmt oder sogar zur Durchsetzung bestimmter Ziele betreibt. Deshalb sollten wir überlegen, wie wir den Opfern von Flucht und Vertreibung aus allen Völkern Europas gemeinsam die Ehre erweisen können.
Dadurch stärken wir die Erinnerung an das grausame Schicksal derFlucht und Vertreibung so vieler Unschuldiger, derer wir heute auch
gedenken sollten. Unsere gemeinsame Erfahrung ruft uns auf, weiter für den Gleichklang von Erinnerung, Vergebung und Versöhnung zu wirken. Unsere gemeinsame, freie und friedliche Zukunft in einem heimatlichen Europa wird der Lohn sein, wenn wir in dieser Aufgabe bestehen.
Seit 50 Jahren besteht nun die Patenschaft zwischen dem Altkreis Bersenbrück und dem Landkreis Greifenhagen. Vor 60 Jahren wurde der Heimatkreis Greifenhagen-Pommern gegründet und die Städte Bersenbrück und Greifenhagen verbindet seit 45 Jahren eine Patenschaft.
Die Begegnungen in den alle zwei Jahre stattfindenden Patenschaftstreffen fördern die Verständigung untereinander und sorgen dafür,
Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden und damit die Zukunft gemeinsam friedvoll zu gestalten. Patenschaft bedeutet auch, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Ich bin sicher, daß diese Paten- und Partnerschaft auch in Zukunft das Verständnis füreinander fördert und damit einen kleinen Beitrag dafür leistet, daß auch die nachfolgenden Generationen eine Zukunft in Frieden
und Freiheit in Europa und hoffentlich in der ganzen Welt erleben werden.

